Gisela Launert

Gisela Launert

Irena Jakštaitė-Bružienė

 

Für Brot musste man bereit sein, alles zu tun.

 

Gisela Launert wurde als Tochter von Willi und Margarete Launert geboren. Sie selbst vermutet, dass sie aus Königsberg oder zumindest der Nähe stammt. Als Geburtsdatum ist in ihrem Pass der 2. November 1941 angegeben, doch sie meint: „Das Datum hat eine Kommission festgesetzt, als ich den Pass bekam. Ich wurde vermutlich vorher geboren, denn ich kann mich vereinzelt an den Krieg erinnern. Da muss ich schon so vier oder fünf Jahre als gewesen sein.“ Sie glaubt daher, dass sie 1938 oder 1939 geboren wurde. Gisela hatte eine jüngere Schwester. Sie erzählt: „Ich kann mich an den Hof erinnern, auf dem ich aufgewachsen bin. Da gab es ein großes, langes Haus, neben dem Tannen wuchsen, und dahinter ein weiteres großes Haus. Ich weiß aber nicht, wie das Dorf hieß.“

Mit Beginn des 2. Weltkrieges wurde Willi Launert eingezogen: „Mein Vater wurde an die deutsche Front geschickt, und über sein weiteres Schicksal habe ich nie etwas erfahren.“

Gisela erinnert sich: „Während des Krieges waren wir auf der Flucht: die Mutter, die Großmutter, meine vielleicht einjährige Schwester und ich, alle auf einem Wagen. Ich glaube, dass meine Mutter durch einen Bombenangriff durchs Leben kam, als sie neben dem Wagen herging. Da sind meine Großmutter, meine Schwester (ihren Namen weiß ich nicht mehr) allein zurückgeblieben. Die Großmutter hat meine Schwester dann bei einer außenstehenden Familie abgegeben, die fremde Kinder aufnahm. Für sie selbst war es mit zwei Kindern zu beschwerlich. Wir sind dann auf den Hof zurückgekehrt, auf dem ich geboren wurde, wurden da aber von den Russen wieder fortgejagt. Von da an sind wir betteln gegangen.“ Ungefähr 1946 gelangten die beiden nach Pagėgiai, wo sie in einem alten Schulgebäude Obdach fanden. Sie hatten absolut nichts zu Essen. Gisela erinnert sich: „Die Großmutter blieb in der Schule, und ich versuchte Brot aufzutreiben. Die Großmutter habe ich nie wieder gesehen, ich weiß auch nicht, wo sie begraben ist.“

Von Pagėgiai zog Gisela weiter nach Natkiškiai (heute Rajongemeinde Pagėgiai). Dort passte sie auf die Kinder auf und verrichtete andere Arbeiten. Gisela konnte damals Litauisch weder lesen noch schreiben, und auch sprechen konnte sie nur einige vereinzelte Worte. In die Schule ließ man sie nicht gehen. Die Sprache hat sie im Laufe ihres langen Irrens durch Litauen gelernt.

Einige Zeit später kehrte sie nach Pagėgiai zurück und übernahm dort alle Arbeiten, die gerade anfielen. Mit 14 Jahren kam sie nach Usėnai (heute Rajongemeinde Šilutė), wo sie bei einem alten Ehepaar Obdach fand. Von 1952 bis 1953 war sie ihr Hausmädchen. Dort lebte auch die Familie Jakštai. Dank dieser Familie wurde Gisela 1953 in der Kirche von Rukai (heute Rajongemeinde Pagėgiai) und erhielt einen neuen Namen. Auf diese Weise wurde aus Gisela Launert Irena Jakštaite. Die Jakštai kümmerten sich ebenfalls darum, dass Irena in Gargždai ein Pass ausgestellt wurde. Dann schlug eine Frau aus Usėnai Irena vor, nach Šernai (heute Rajongemeinde Klaipėda) zu ihrer Schwester zu fahren und dort auf deren Kind aufzupassen. So geriet sie in die Rajongemeinde Klaipėda. Mit 15 Jahren kam sie nach Plikiai (heute Rajongemeinde Klaipėda) zu einer Lehrerfamilie, die Irena sehr gut behandelte und sie unterstützte.

Im Alter von 18 Jahren heiratete sie Algis Bružas und wurde Irena Bružiene. Das Paar bekam die Töchter Audronė und Rima. In Plikiai hat sie mit ihrem Mann fast 40 Jahre gelebt, nach dem Tod des Ehemannes ist sie nach Klaipėda gezogen.

Irena erinnert sich: „Zu Sowjetzeiten hatte ich Angst meinen Namen zu nennen, denn alles Deutsche war verpönt. Also habe ich den Mund gehalten.“

Nach Wiederherstellung der litauischen Unabhängigkeit schaltete Irena das Internationale Rote Kreuz ein, weil sie sich Informationen über ihre Familie erhoffte. 2005 erfuhr sie, dass ihr Vater Willi Launert 1989 gestorben war. Diese Information erhielt sie von seiner zweiten Frau. Willi Launert war 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenenschaft nach Deutschland zurückgekehrt und hatte seine Mutter wiedergefunden. Diese erzählte ihm, dass seine erste Frau Margarete mit den Töchtern Gisela und Karin sowie ihren Eltern vor der Roten Armee geflüchtet sei, jedoch unterwegs zusammen mit dem Vater erschossen wurde. Das Schicksal der Kinder sei unbekannt.

Bis heute weiß man nicht, was aus Irena Bružienės jüngerer Schwester Karin geworden ist und wie es ihrer Großmutter ergangen ist, nachdem Irena sie in der Schule zurückgelassen hatte.

Am 26. März 2012 wurde Irena Bružienė der Status als Besatzungsopfer (ehemals obdachloses Kind) zuerkannt.