Dora Brandt

Dora Brandt

Dora Brandt

 

Das Leben hat mich nie besonders verwöhnt. Ich habe Gutes, aber auch Schlechtes erlebt. Für eine Vierzehnjährige ist es ohne Eltern oder sonstige Angehörige nicht einfach in einem fremden Land.

 

Dora Brandt wurde am 12. Mai 1931 in Königsberg, Ostpreußen, geboren. Sie wuchs bei Eltern ihrer Mutter Johanna, August und Augusta Schönfeld, auf. An ihren Vater kann sie sich nicht erinnern und weiß auch sonst nichts über ihn. Die Großeltern waren Arbeiter. Dora erzählt: „Uns ging es gut. Wir hatten einen großen Garten mit vielen Obstbäumen und Beerensträuchern.“ Bis zum Kriegsbeginn besuchte sie eine Schule in Königsberg.

Als der 2. Weltkrieg ausbrach, änderte sich ihr Leben. Das Verheerungen und Grausamkeiten der sowjetischen Soldaten hinterließen tiefe Narben und schmerzvolle Erinnerungen. „Als die Sowjets meine Heimat besetzten, wurde das Leben zur Hölle. Einmal musste ich aus dem Fenster des 1. Stocks springen, weil ich sonst vergewaltigt worden wäre.“ Dann wurden alle jungen Familien mit Kleinkindern, unter ihnen auch Dora Brand und ihre Mutter, nach Posselau evakuiert. Die Großeltern blieben im zerbombten Königsberg zurück. Dora und ihre Mutter versuchten mehrmals, sie wiederzufinden. Als sie sich schließlich trafen, ging es dem Großvater noch gut, aber die Großmutter war bettlägerig und erkannte die Enkelin bereits nicht mehr. Dora erzählt: „Für mich war das sehr schmerzhaft, denn ich war doch bei ihnen aufgewachsen.“ Wann genau die Großerler starben, weiß Dora nicht mehr. Es könnte Ende 1945 gewesen sein. „Die einsetzende Hungersnot löschte viele Menschenleben aus, darunter auch die meiner Großeltern.“ Dora kehrte daraufhin mit ihrer Mutter nach Posselau zurück. Dort wurde sie voneinander getrennt. Was weiter mit der Mutter geschah und wo sie begraben ist kann Dora nicht sagen.

Dora musste von nun an selbst für sich sorge. Das war sehr schwer: „Um zu überleben musste ich auf dem Feld oder im Müll nach etwas Essbarem suchen.“

1945 fuhr Dora aus Posselau nach Litauen. „Nachdem ich erfahren hatte, dass man in Litauen Brot bekommt, bin ich zusammen mit anderen Kindern auf den Trittleitern von Güterwaggonen nach Litauen gefahren. Das war ich 14 Jahre alt und es ging mir sehr schlecht. Von 1945 bis 1955 war ich obdachlos und musste mich bettelnd durchschlagen. Ich habe auf dem Feld, in Ställen und Scheunen oder verlassenen Saunen, in Paparčiai sogar einmal auf dem Friedhof übernachtet. Ich war von Schorf übersät und völlig verlaust, daher wollte mich niemand bei sich aufnehmen. Man gab mir zu Essen und schickte mich dann wieder fort. Manchmal bekam ich Arbeit für einen Tag, danach aber musste ich mich erneut auf die Suche nach barmherzigen Menschen und einer Unterkunft begeben.“ Bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr lebte sie in Neravai (heute Rajongemeinde Kaišiadorys), 1949 zog sie um nach Žasliai (heute Rajongemeinde Kaišiadorys). Dora beantragte daraufhin bei der Miliz einen Pass, weil man ohne Personaldokumente keine offizielle Anstellung bekam. Es gelang ihr damals jedoch nicht, Arbeit zu finden und sie verdingte sich daraufhin viele Jahre als Kindermädchen. Ihre erste offizielle Anstellung erhielt sie erst um 1968–1970. Offiziell gearbeitet hat sie ungefähr zwölf Jahre.

Dora Brand hat sich ihr leben lang einsam gefühlt. Ihre Angehörigen hat sie nicht wiedergefunden, und eine eigene Familie zu gründen war ihr nicht vergönnt. Sie hat nie eine Ausbildung abgeschlossen, weil sie in Litauen dazu keine Möglichkeit hatte. Bereits in ihrer Jugend hatte sie gesundheitliche Probleme und war dadurch beeinträchtigt. „Ich habe meine Gesundheit schon in den Jugendjahren verloren. Jetzt könnte ich endlich leben, aber die Gesundheit macht nicht mehr mit.“ Ihr glücklichster Augenblick war, als sie im Jahr 1985 in Stasiūnai (heute Rajongemeinde Kaišiadorys) ein eigenes Zimmer bekam, da sie bis dahin immer bei fremden Menschen gewohnt hatte. Auch in ihrem eigenen Zimmer standen ihr nicht die besten Lebensbedingungen zur Verfügung. Im Winter war es kalt, die Treppen waren steil und Wasser musste sie aus dem Brunnen holen.

Dora war von hilfsbereiten Freundinnen und Nachbarinnen umgeben. Sie hat dieses wunderbare Land mit seinen Menschen, seiner Sprache und seiner Kultur lieben gelernt. „Ich habe keinen Mann und keine Kinder. Damit ich weniger allein bin, halte ich mir Vögel und andere kleine Tiere. Mein Zimmer ist zwar klein, aber wir finden hier alle Platz“, sagte sie.

„Ich denke oft an meine schöne Kindheit und die Schrecken des Krieges zurück. Ohne den Krieg wäre mein Leben anders verlaufen. Ich bete zu Gott, dass er die Menschen vor Krieg beschützen möge und sie ein unbeschwertes Leben führen können.“

Dora Brandt starb 1998 und fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Kaišiadorys.

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